In der Europäischen Zentralbank (EZB) gibt es im Augenblick fast so etwas wie einen Generationenwechsel, viele altgediente Notenbanker hören auf. Am Donnerstag nutzte der französische Notenbank-Chef François Villeroy de Galhau seine letzte geldpolitische Rede für eine kleine Bilanz, bevor er mit einem „Au revoir“ die Bühne verließ. Die Kernthese des 67 Jahre alten Bankers: Es waren bewegte zehn Jahre, mit Negativzinsen, Anleihenkäufen und Inflationswelle. Die Geldpolitik sei dadurch letztlich stärker und klarer geworden – aber es gebe große Herausforderungen. Ein turbulentes Jahrzehnt „Zentralbanken waren in diesem turbulenten Jahrzehnt beides: effektiv und zunehmend herausgefordert“, sagte Villeroy de Galhau. Er berichtete von der Zeit vor 2020, als die Inflationsrate zeitweise sehr niedrig war; und er sprach von der Inflationswelle 2022/2023, die die EZB letztlich in den Griff bekommen habe, „ohne eine Rezession auszulösen“. Die unkonventionellen geldpolitischen Instrumente wie Negativzinsen und Anleihekäufe, die unter EZB-Präsident Mario Draghi entwickelt wurden, verdammte Villeroy de Galhau nicht grundsätzlich. „Gegen Ende der Niedrigzinsphase herrschte Konsens, dass diese Instrumente Teil des regulären Werkzeugkastens geworden sind“, sagte er. Seit 2022 habe dieser Konsens nachgelassen. Die Sichtweise habe an Boden gewonnen, dass deren Kosten – jenseits der finanziellen Verluste für die Zentralbanken selbst – unterschätzt worden seien. „Manche deuteten an, sie trügen eine Mitschuld an der Rückkehr der Inflation“, sagte Villeroy de Galhau: „Letzteres ist schlicht falsch.“ Die Inflation habe aus zwei Schocks resultiert – der Covid-Pandemie und dem Ukrainekrieg: „Beide waren völlig unvorhersehbar.“ Die unkonventionellen Instrumente verdienten weniger Schwarz-Weiß-Denken. „Erstens, weil ihr Einsatz von den Umständen abhängt“, sagte er. Kritik, die geäußert werde, wenn die Instrumente nicht mehr benötigt würden, übersehe oft, was sie überhaupt notwendig gemacht habe. „Zweitens, weil die einzelnen Instrumente getrennt beurteilt werden müssen.“ Die Anleihekaufprogramme seien in Krisenzeiten entwickelt worden. Sie bedeuteten, Zinsänderungsrisiken in die Zentralbankbilanz zu nehmen und damit mögliche Verluste zu verursachen. „Wir sollten jedoch – sofern der Zweck klar und gerechtfertigt ist – bereit sein, solche Risiken zu akzeptieren, dabei aber die durchschnittliche Laufzeit des gekauften Portfolios genauer im Blick behalten“, meinte Villeroy de Galhau weiter. Gegenüber Negativzinsen sei größere Vorsicht geboten. Sie würden schlecht verstanden und seien „potentiell zerstörerisch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“. Widerspricht populistischen Vorwürfen Entschieden wies er populistische Vorwürfe gegen die Notenbanken zurück. „Zentralbanken werden als technokratische Institutionen dargestellt, die sich der demokratischen Kontrolle entziehen und Beschäftigung und oder Wachstum auf dem Altar der Preisstabilität opfern“, sagte er. Das sei falsch: „Unabhängigkeit ist keine demokratische Anomalie: Im Gegenteil, Unabhängigkeit wurde durch die Demokratie selbst verliehen.“ Zu der Forderung, dass die Notenbank sich stärker auf ihr eigentliches Ziel, die Preisstabilität, konzentrieren solle, meinte Villeroy de Galhau: „Meines Erachtens ist dies weitgehend eine Scheindebatte: Der klare Fokus auf das primäre Ziel Preisstabilität ist völlig gerechtfertigt, widerspricht aber anderen Erwägungen nicht.“ So wäre es seiner Ansicht nach sogar ein „Risiko“ für die Preisstabilität, die grüne Transformation zu ignorieren. Nicht aufs Datum achten, sondern auf die Daten Zur nächsten Zinssitzung im Juni, bei der er nicht mehr dabei ist, hielt Villeroy de Galhau sich bedeckt. Nicht das Datum sei für eine Zinserhöhung entscheidend, sondern die Daten, sagte er: „Unsere Aufmerksamkeit muss auf Zweitrundeneffekte gerichtet sein, und zu diesem Zweck auf drei Indikatoren: die Kerninflation, die mittelfristigen Inflationserwartungen und die Lohnentwicklung.“ Auf die Frage, was wohl der frühere EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sagen würde, wenn er die EZB heute beurteilen sollte, sagte Villeroy de Galhau: Er wäre sicherlich stolz. Wenn man einen Durchschnitt der Inflation im Euroraum seit der Euroeinführung bilde, liege die schließlich sehr dicht am Ziel von zwei Prozent.
